nds 3-2012

Keine Erziehung ohne Beziehung

Die nds 3-2012 beschäftigt sich mit Unterrichtsstörungen und dem richtigen Umgang mit "schwierigen" SchülerInnen. Weitere Themen des Heftes: Sekundarschulen vor dem Start, Bewegungserziehung in Kitas und das Personalkonzept für Lehrkräfte an Hauptschulen.

von Dr. Jens Bartnitzky

Ein Gedankenexperiment: Wir nehmen ein Verkehrsschild Tempo 30, stellen es auf die Straße und beobachten, was passiert. In einem ersten Versuch stellen wir das Schild in ein Wohngebiet. Wir beobachten: 1. Kaum jemand fährt wirklich 30, die wenigen, die es tun, werden angehupt oder ausgelacht. 2. Die meisten fahren höchstens 40, also wohl immerhin langsamer, als sie es ohne das Schild täten.

Transparenz und Konsequenz im Umgang mit Regeln
Offenbar liegt es uns Menschen nicht so sehr, Regeln ganz genau umzusetzen. Die erste Erkenntnis unseres Experiments betrifft die Erwartungshaltung, die wir Regeln und deren Umsetzung in der Schule entgegenbringen sollten. Wenn eine Regel von den meisten Kindern weitgehend befolgt wird, dann dürfen wir zufrieden sein. Mehr ist mit vernünftigen Mitteln nur sehr kurzfristig, nicht aber dauerhaft erreichbar.

Stellen wir das gleiche Schild in einem zweiten Versuch auf die Autobahn. Wir beobachten: 1. Niemand fährt 30 km/h. 2. Viele schütteln den Kopf, die meisten aber fahren mit unverändertem Tempo weiter. Die zweite Erkenntnis: Offenbar hinterfragen Menschen vorgegebene Regeln, bevor sie entscheiden, ob sie sie umsetzen wollen. Und während der Sinn des Schildes im Wohngebiet den meisten Menschen einleuchtet, vermissen sie ihn auf der Autobahn.
Auch Kinder hinterfragen Regeln
Allerdings hinterfragen sie diese weniger als Erwachsene. ErstklässlerInnen nehmen viele Regeln so hin, wie sie von Erwachsenen vorgegeben werden. Je älter die Kinder werden, desto mehr hinterfragen sie den Sinn jeder Regel und machen ihr Verhalten davon abhängig.

Über Regeln muss in der Klasse also schon aus diesem Grund so gesprochen werden, dass die Kinder ihren Sinn verstehen. Zur Klarstellung: Ich meine damit nicht, die Regeln ergebnisoffen auszudiskutieren. Ich meine aber auch nicht: „Das seht ihr doch sicher alle ein.“ Gut geeignet finde ich, Regeln mit etwas Lenkung gemeinsam zu erarbeiten und an Beispielen konkret zu machen, wo richtiges Verhalten endet und wo falsches anfängt.
„Wir gehen leise durch das Schulgebäude”
Dabei dürfen und sollten Regeln immer wieder auch überdacht und in Frage gestellt, manchmal auch für bestimmte Phasen ausgesetzt werden. Denn die meisten Regeln in der Schule sind nicht für sich allein genommen sinnvoll. Genausowenig wie Tempo 30 ortsunabhängig eine sinnvolle Geschwindigkeit wäre.

„Wir gehen leise durch das Schulgebäude“ macht Sinn, wenn ich morgens nach Unterrichtsbeginn mit meiner Klasse in den Musikraum wechseln will. Wenn wir am Ende der zweiten Stunde und zu Beginn der großen Pause zurück gehen, um die Schuhe anzuziehen, bricht auf den Fluren das Chaos aus und dieselbe Regel wird absurd. Eine Regel kann also um 8.10 Uhr sinnvoll und um 9.30 Uhr unsinnig sein. Die Kinder sehen das und verhalten sich entsprechend. Wir sollten es ebenfalls tun.

In diesem Schwerpunkt werden ausgewählte Aspekte des Themas dargestellt. Zunächst werden die Überlegungen zum Umgang mit Regeln aus schulpraktischer Sicht fortgeführt. Dann beschreibt Dieter Ginuttis beispielhaft einen Schüler mit Verhaltensproblemen, wie sie bei vielen jungen Menschen zu finden sind, und schlägt mögliche pädagogische Hilfestellungen vor. Ruppert Heidenreich zieht aus seiner langjährigen Supervisionserfahrung den Schluss: Erziehungsschwierigkeiten spielen sich nicht nur in der Schule, sondern auch in der Familie und in der Gesellschaft ab. Nur wer sich Hilfe und Unterstützung holt, hat es leichter und kann etwas bewirken.

Dr. Jens Bartnitzky ist Lehrer für Sonderpädagogik, arbeitet im Gemeinsamen Unterricht an Wittener Grundschulen und leitet Lehrerfortbildungen.

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